Trinker-Typologie 2


Du kannst den Mann aus der Gosse holen, aber Du kannst nicht die Gosse aus der Mann holen.“

Ronny war früher in der DDR eine große Nummer. Feldwebel in der NVA hat er uns immer erzählt. Einer der immer was regeln konnte. Hat mit den Russen Diesel verkappt, Schwarzmarkt, bisschen Zuhälterei. Klar dass da reichlich Alkohol geflossen ist. Whisky kannten die natürlich nicht. Billiger Wodka, Slibowitz, Schwarzgebrannter reichte auch. Dann die Wende: Begrüßungsgeld in der Tasche, Cowboy-Stiefel frisch gegelte Vokuhila. Ronny fühlte sich wie der König der Welt. Von kleiner Statur aber drahtig, irgendwie ein auffälliger Typ. Es waren die frühen Neunziger, alles war ein bisschen verrückt und einer wie Ronny passte perfekt in die Zeit. Es verschlug ihn in ein westdeutsches Wohlstandsnest, wo er sich Zugang in bessere Kreise verschaffte. Die gelackten Jungs aus gutsituierten Familien mochten den quirligen kleinen Kerl. Er unterhielt sie mit seinen Räuberpistolen aus der Zone, sie zeigten ihm das dolce vita. Da gab es einen etwas Älteren, der schon damals ein versierter Whisky-Kenner war, der hat regelmäßig Malt-Abende veranstaltet. Bisschen Infos, viel schweres Trinken. Endete regelmäßig im totalen Delirium. Das war Ronny nur recht, die Russen hatten ihm das Zechen schließlich beigebracht. Aus alter Gewohnheit ging Ronny nach diesen Gelagen immer rum und schüttete alle Reste in ein Gurkenglas. Zwanzig Jahre später würde Horst Lüning das als „living bottle“ anpreisen – uns schien es damals eher merkwürdig. Es waren Ronnys beste Tage und sie sollten mit rascher Fahrt zu Ende gehen. Aus unserem drolligen Quoten-Ossi wurde in Rekordzeit ein schwerer Wirkungstrinker. In Gesellschaft geriert sich Ronny bis heute als Kenner, wobei er nur dreifach destillierte Weiber-Plörre verträgt. Lowlands, irische Blends. Nicht weil er zu weich für den echten Geschmack wäre. Aber wir wissen natürlich, dass sich die charakterstarken Islay-Südküste-Klassiker mit ihren bauchigen Brennblasen ein Übermaß an Fuselstoffen bewahren. Bei den Mengen, die Ronny zwischenzeitlich braucht, ist das natürlich ein Problem. Privat hält er es schon lange mit Korn, Wachholder und dergleichen. Kommt er besser drauf klar. Von dem vitalen Exoten ist leider nicht mehr viel übrig. Gezeichnet von Suff und diversen Krankheiten zeigt sich sein Verfall immer deutlicher. Die vormals amüsant-sympathische Verschrobenheit ist längst einer pathologischen Psychose gewichen. So hat bekämpft er konsequent sämtliche Leiden mit Eigen-Urin, den er wahlweise trinkt oder schnupft. Steve hat noch eine Zeit lang versucht, Ronny wieder auf Spur zu bringen. Hat ihn in seinem vermüllten Ein-Zimmer-Appartment aufgelesen, zitternd und eingenässt. Man hat ihm in Berlin einen ruhigen Posten verschafft, wo er nicht viel Schaden anrichten kann und eigentlich ein Auskommen haben sollte. Aber Fusel, dubiose Sex-Clubs und immer wieder völlig überteuerte Fernreisen haben ihm wirtschaftlich den Rest gegeben. Seine alten Gönner mussten mehr als einen seiner „Möbelkredite“ ablösen, um ihn vor Moskau-Inkasso zu retten. Als Gegenleistung macht er kleinere Schreibarbeiten. Sie stecken ihm immer mal neben ein paar Euro auch ne Pulle Malt zu. Die reißt er aber in der Regel an den Schlund, ohne auch nur aufs Etikett zu schauen. In den wenigen wachen Momenten zwischen Turkey und Vollrausch denkt er manchmal an die alten Zeiten in der DDR – da war er noch ne große Nummer.