Wir müssen reden

Liebe Leser – oder vielleicht auch nur lieber Leser, die genaue Auswertung der Zugriffszahlen ist mir derzeit nicht zugänglich – wir müssen reden. Ich bin Dieter. Ja genau, der Dieter von dem Sie in diesem Block schon so häufig gelesen haben.
Der Dieter, den Steve hier zu dem schmeichelhaften Zerrbild einer knorrigen Whisky-Koriphäe hochstilisiert hat. Mir gefällt das Bild und dennoch will ich es etwas gerade rücken. Zu meiner Verteidigung möchte ich vorweg schicken, dass ich erst seit Kurzem Kenntnis von diesem Blog habe. Also – wenn Sie meinen, Steve wäre dieser unkomplizierte Einsteiger so naiv wie polyglott, dabei flexibel im Geschmack und offen für jeden neuen Trend – dann muss ich das behutsam korrigieren. Steve ist einer der ernsthaftesten Trinker die ich kenne; und das meine ich ausdrücklich als Kompliment. Zugegeben, er hat sich sehr lange gegen die Kunst des Whisky-Genusses gewehrt.


Jahrelang habe ich ihm in den Ohren gelegen, ihm vergeblich von dem Universum vorgeschwärmt, welches er sich mit dem richtigen Dram aufschließen kann. Nein er wolle nicht, er sei ein Gin-Mann. Ich bräuchte ihm nichts erzählen, er habe schon die Hausbar seines Vaters geplündert, als ich noch mit dem Marmeladenbrot hinter der Blaskapelle her gerannt sei. Außerdem würden Spirituosen ohnehin nur die dunkle Seite in ihm entfesseln und so weiter. Gut dann kam dieser Sommerabend. Wir hatten den ganzen Tag Bier getrunken. Waren durch den Wald gestiefelt. Ich hatte versucht zu kochen, aber die Rindswurst lag zu lange im Wasser und war aufgeplatzt. Gegessen haben wir sie dann trotzdem, der Hunger überwog die Ästhetik. Nebensache. Worauf es ankommt ist die Flasche Talisker 10, von der Steve bis heute behauptet er könne sich nicht an sie erinnern.

Ich erinnere mich genau, ich musst dann ja Tage später die leere Flasche entsorgen. Dieser Talisker 10, zu dem Steve später wieder „zurückfinden“ sollte, löste etwas in ihm aus. Eine Entwicklung, die sich nicht sofort zeigte. Als sich unsere Wege am nächsten Tag trennten, vermieden wir aus gutem Grund das Thema Alkohol. Es dauerte einige Wochen, bis er mich anrief. Er berichtete mir mit großer Ernsthaftigkeit, dass er sich reichlich mit Whisky eingedeckt habe und er wolle jetzt im Crash-Kurs in die Materie einsteigen. Ich habe zunächst versucht ihn zu mäßigen, denn er hatte wahllos Blends und Single Malts, Lowlands, Speyside und alles mögliche gekauft. Ohne roten Faden, ohne erkennbares Konzept. Aber wer Steve kennt, der weiß, dass der nie halbe Sachen macht. Wenn Steve in ein Thema einsteigt, dann zu 150 Prozent. So auch in diesem Fall.

Bremsen kann man Steve ohnehin nicht höchstens seine kinetische Energie versuchen in eine geordnete Bahn zu lenken. Und so habe ich ihn machen lassen. Und er hat gemacht. Binnen kürzester Zeit, schaffte sich Steve einen beeindruckenden Vorrat an Whiskys an, etliche davon hätte ich nicht mal in die Sauce gekippt, andere waren absolute Juwelen und zählten zu meine Lieblingen. Er hat probiert, hat sich durch hunderte Horst-Lüning-Videos durchgebissen – obwohl er Lüning anfangs überhaupt nicht mochte. Der war ihm zu bräsig zu sehr Alte Bundesrepublik. Aber Steve hatte verstanden, dass an Lüning kein Weg vorbei führt, wenn man in deutscher Sprache etwas über Whisky lernen möchte. So wuchs nicht nur seine Sammlung sondern auch seine Expertise. Und ehrlich gesagt kam relativ rasch der Tag, an dem ich nicht länger sein Mentor war und er mich an Wissen und Erfahrung überflügelt hatte. Aber das stört mich nicht. Wir haben seit seiner Erweckung viele schöne Abende gemeinsam verbracht, von seinen ausgewählten Flaschen gekostet. Versucht Tasting-Notes zu Papier zu bringen. Haben gefachsimpelt, manchmal gestritten. Er ist wechselhafter als ich. Er war nie willkürlich in seinem Geschmack aber er hat schon ziemliche Sprünge hingelegt. Mit meinem NAS-Faschismus stieß ich bei ihm Anfangs auf taube Ohren. Inzwischen liegen wir aber auf einer sehr ähnlichen Wellenlänge. Was mich und meinen persönlichen Geschmack angeht, so ist das ein Thema für einen eigenen Beitrag. Nur soviel: Ich bin ein Gewohnheitstier – mir reicht eine Handvoll Destillerien, alle von Islay oder den Inseln. Ich mag keine Experimente. Ich will meinen Whisky ehrlich, gerade und stark. Aber das schönste am Whisky ist für mich nicht der Inhalt meines Glases. Das schönste ist, dass er Menschen zusammenführt und dass er Freundschaften festigt – so wie bei Steve und mir.

Bis bald, Ihr Dieter.