Warum ich ein NASzi bin

Zugegeben. Für Außenstehende mutet der Debatte etwas akademisch-weltfremdes an und ehrlich gesagt weiß ich auch nicht, ob ich das präzise Alter eines Whiskys bei einer Blindverkostung schmecken würde. Und wenn ich noch ehrlicher bin, dann schätze ich sogar bei einigen Whiskys ihre stürmische, wilde Jugend und es müssen für mich nicht immer die 18plus-Jahre-Flaschen sein.
Aber trotz all dieser Einschränkungen versuche ich beim Thema No Age Statement so rigoros wie möglich zu sein – ein echter NASzi eben.


Was stört mich denn so daran, wenn Brennereien bei ihren immer peppigeren Abfüllung in der Regel auf eine Altersangabe verzichten? Es geht mir wie so oft um das Prinzip: Whisky ist für mich der ungekrönte Regent unter den Spirituosen, weil er in den letzten 150 Jahren eine stolze und unerreichte Tradition ausgeprägt hat. Eine Handwerkskunst, die immer besser und ausgereifter wurde – im Einklang mit dem technischen Fortschritt. Guter Single Malt ist kunstvoll und facettenreich aber auch ehrlich und gerade. Wenn ich vergleichsweise viel Geld für eine gute Flasche ausgebe, dann möchte ich das Gefühl haben, dass ich eine würdige Gegenleistung dafür erhalte. Was aber unterscheidet Single Malt denn von anderen Edel-Spiritousen wie Bourbon oder Cognac? Es ist die lange Fassreife – wohlgemerkt, die lange Fassreife. Bourbon und Cognac lagern auch einige Jahre in Eichenfässern ebenso wie erlesener Rum, Lagerkorn oder andere Brände. Aber niemand hat die Fassreife so perfektioniert, so genial abgestimmt wie die schottischen Destillerien. Niemand ist bereit so viel Zeit zu investieren, um am Ende das bestmögliche Produkt anzubieten. Ein Produkt, auf das der Erzeuger stolz ist - und der Konsument auch.

Ja klar ich sehe schon wie Marketing-Profi Steve bei diesen Zeilen die Augen verdreht. „Wertschöpfung“, „Markt bestimmt das Angebot“, „Betriebswirtschaftlicher Nutzen“, „naive Vorstellung von internationalen Spirituosen-Konglomeraten“ und so weiter. Und er hat ja in der Sache nicht unrecht. Ich weiß auch, dass die Vorstellung von der pittoresken Schwarzbrennerei auf einer sturmumpeitschten Felseninsel im Nordmeer in etwa so viel mit der Realität zu tun hat wie der Weihnachtsmann. Und auch wenn das Geschick des Gros meiner Lieblinge heute längst in den Händen von leidenschaftslosen Gewinnmaximierern liegt, so will ich diesen Leuten doch eines entgegenhalten: „Ich mag Euch nicht. Es wäre mir lieber, es gäbe Euch nicht und wenn Euch schon die herrlichsten Destillerien des weiten Erdenrunds gehören, dann lasst wenigstens Eure Finger davon“.
Denn nichts anderes ist NAS, immer neue, hippe Flaschen, günstiger in der Herstellung, weil man die sorgfältige, langjährige Fassreife abkürzt. Und damit das nicht so auffällt ballern sie drei, vier, fünf Finishes drauf und lassen die Flaschen von Reklame-Fritzen aus New York gestalten. Das passt mir nicht. Und ich hätte wirklich nichts dagegen, wenn alles so bleiben könnte, wie es noch vor wenigen Jahren war.

Ich weiß, dass das nicht geht, wir können die gute Zeit leider nicht einfrieren und konservieren. Aber wir müssen als Whisky-Liebhaber zumindest nicht dem Verfall unser Passion noch aktiv Vorschub leisten, in dem wir kritiklos überteuerte Abfüllungen ohne Altersangabe kaufen. Das ist einfach nicht notwendig – lassen wir doch diese Möchte-Gern-Pullen für die Möchte-Gern-Trinker im Regal stehen.

P.S.: Lagavulin hat übrigens in seiner sehr überschaubaren Range kein NAS, im Gegensatz zu fast allen anderen großen Destillerien.

P.P.S.: Ja – gut ich habe Weihnachten eine Flasche The Classic Laddie von Bruichladdich aufgemacht. Die, ähm, wie soll ich es sagen, irgendwie kein Alter trägt. Aber, bevor Sie jetzt die zeigefinger und die Augenbrauen heben - es ist die Standardabfüllung einer Islay-Destillerie. Mehr muss man dazu wirklich nicht sagen.