Meine kurze Reise zu mir selbst

Steve hat es an anderer Stelle schon erwähnt: Ich bin ein Lagavulin-Mann. Genauer gesagt ein Lagavulin-16-Jahre-Standard-Abfüllungs-Mann. Ich war das schon, als Single-Malt-Trinken noch nicht hip war. Ich war es, bevor Horst Lüning sein erstes – in der Szene längst legendäres – Video über genau diesen Whisky hochlud.
Ich war es, als der Lagavulin vom Geheimtipp für Connoisseure zur Allerwelts-Pulle für Möchtegern-Experten mutierte. Ich blieb es, als er langsam von vermeintlich spannenderen, radikaleren oder zeitgemäßeren Flaschen in den Hintergrund gedrängt wurde. Ich blieb es, als jedermann plötzlich Zucker-Couleur und Kühlfilterung dämonisierte – an beidem hält Lagavulin stoisch fest. Und ich bleibe es natürlich auch, wenn die Massen anfangen exklusiven Gin, im Fass gereiften Tequila und Rum, Lager-Korn, edle Obstbrände oder sonst was in sich reinzukippen.

Ich trank einen Lagavulin 16 an dem Abend an dem mein erstes Kind geboren wurde. Ich stieß mit ihm auf meinen ersten Job an. Verschenkte ihn an Menschen, die mich wenig später bitter enttäuschen sollten und ich bekam ihn von Menschen geschenkt, die ich alleine deshalb nicht vergessen habe. Ein Lagavulin 16 war der erste ernsthafte Single-Malt in meinem Besitz und es wäre mir sehr recht, wenn er auch der letzte wäre.

Natürlich habe ich anderes probiert – und durchaus auch zu schätzen gelernt. Ich mag den rauen Laphroaig 10 ebenso wie den überraschend süßen Ardbeg 10 – schätze den ausgewogenen und ausdrucksstarken Highland Park 12 und habe mich mehr als einmal am stürmischen Talisker 10 gewärmt. Aber keiner von ihnen kam meinem Favoriten nahe, nicht ein einziges Mal.

Den Lagavulin 16 und mich verbindet eine unaufgeregte aber vielleicht gerade deshalb unerschütterliche Freundschaft. Wir haben uns gefunden, ohne dass wir uns ernsthaft hätten suchen müssen. Ich weiß, dass ich ihm treu bleiben werde, egal womit mich der Markt lockt. Das mag Ihnen langweilig, engstirnig oder sogar mutlos erscheinen. Aber es ist für mich die Quintessenz von Whisky-Kultur. Whisky wird nicht für Modegecken oder Raritäten-Sammler gebrannt. Nicht für Angeber und Schnösel, die den Wert einer Flasche an deren Kaufpreis bemessen. Nicht für Ahnungslose und Mitläufer, die das Handwerk und die Tradition in ihrem Glas weder verstehen noch respektieren. Das ist meine Meinung. Die muss Ihnen nicht gefallen. Damit kann ich gut leben und genehmige mir darauf einen Dram Lagavulin 16.

Sláinte

Dieter