Dalwhinnie - Auch in der Destillerie klare Kante

Der von Dieter so oft beklagte Werteverfall, insbesondere das Umsichgreifen von N.a.s.-Whisky und die zunehmende Dominanz von auf der einen Seite Mode- und Lifestyletrinkern und auf der anderen Seite Luxussammlern, macht auch vor der Keimzelle allen Whiskys, der Destillerie, selbst nicht halt, wie ich im Spätsommer 2017 bei Dalwhinnie erfahren mußte.
Ob ich wollte oder nicht - Dalwhinnie lag auf meinem Weg zur Jagd in die Highlands, während meine Lieblingsdestination auf Islay, Skye, den Orkneys und in Wick zu weit entfernt für einen Besuch waren. Aber Dalwhinnie ist und bleibt trotz aller Einwendungen unter meinen "Top Five". Grund genug, dort vorbeizufahren.


Weder der hohe Eintrittspreis, noch der Umstand, dass ich wegen Überfüllung der ersten Besuchergruppen des Tages zwei Stunden warten mußte, konnten mich von einem Besuch abhalten. Ich stromerte wie verzaubert auf dem Gelände der Brennerei herum und fotografierte alles Erdenkliche.

Zugegeben, die Lage beeindruckte mich nicht sehr. Schottlands höchstgelegene Brennerei liegt unweit einer Schnellstraße und auf einer Art Hochebene, die weder abgelegen, noch unwirtlich oder schwer zugänglich war. Ich war in den letzten Jahren auf so vielen Hügeln und in so unwirtlichen Gegenden Schottlands herummarschiert und gekrochen, dass mich die An- und Abfahrt von Reisebussen zu der Destillerie im Grunde irritierte. Ich muß den Werbeleuten von Dalwhinnie zugestehen, dass sie es geschafft hatten, bei mir erfolgreich den Eindruck, oder vielmehr den Wunsch zu erwecken, die Brennerei würde noch von Tragtieren angesteuert und es herrsche eine Art permanenter Winter um sie herum.


Aber gut, ich bin bereit, den Tatsachen ins Auge zu sehen und ein Stück weit zuzugeben, dass es eigentlich nicht schadet, dass Whisky sich in Richtung Massengetränk entwickelt. Ich meine natürlich Single Malt.

Anders als Dieter, der versucht, den Herstellungsprozeß wissenschaftlich zu durchdringen und sich für seine Verhältnisse auf diesem Gebiet ungewöhnlich tief in naturwissenschaftliche Zusammenhänge eingearbeitet hat, interessiert mich die Herstellung nicht wirklich. Ich möchte in die Atmosphäre eintauchen, den magischen Ort mit eigenen Augen sehen, Gerüche einatmen, Bilder abspeichern und all das. Ich war für meine Verhältnisse ungewöhnlich konziliant und sogar bereit, dazu einiges auszublenden wie etwa die Behauptung unserer Führerin, die uns zu Beginn einige Ingredientien zeigte und meinte, Torf rieche "unangenehm". Ich wollte einfach dort sein.


Dalwhinnie reift immerhin 15 Jahre und das rechnete ich der Brennerei hoch an. So hoch, dass ich die Existenz einer N.a.s.-Abfüllung namens "Winter's Gold" bereit war zu ignorieren. Ja, ich hatte sogar einmal mit dem Gedanken gespielt, mir eine Flasche zu kaufen, so gefiel mir die Story von den verschneiten Highlands und den besonderen Effekten des Schnees und der Kälte auf den Herstellungsprozeß. Aber das muß unter uns bleiben. Ich verarbeitete auch die Enttäuschung, dass es keine schwer zugängliche Destillerieabfüllung gab, die ich hätte kaufen wollen. Für die 60 Pfund gab es irgend ein anderes N.a.s.-Zeug, das mich nicht reizte. Aber ich hatte geglaubt, dass die Fässer wirklich dort vor Ort lagern, obwohl dies nur noch auf einen Bruchteil zutrifft. Die erste wirklich große Enttäuschung.

Das Gerede der Führerin hatte ich auch kritiklos an mir abregnen lassen, ja ich hatte nicht einmal beim Fotografierverbot rebelliert, aber gegen Ende der Tour reichte es mir. Man durfte aus einem winzigen Plastikglas eine Kleinstmenge Dalwhinnie trinken. Diese Zumutung wies ich natürlich von mir.
Als sie aber dann dazu ansetzte, mir und den ahnungslosen Touristen, die ebenfalls teilnahmen, erklären zu wollen, Altersangaben seien aus der Mode und es gelte vielmehr jetzt "mit den Aromen zu spielen", da war der Punkt erreicht, wo ich Widerstand leisten mußte. "Auf keinen Fall!", rief ich zum Schrecken meiner mitreisenden Tochter. Der Blick, der wohl sagen sollte "Erspar mir die Peinlichkeit", prallte an mir wirkungslos ab. "Mit dieser fragwürdigen Politik zerstören sie den Ruf ihres Hauses und die Qualität des Getränks. Sie ziehen alles in den Schmutz, wofür Generationen vor ihnen gearbeitet haben", predigte ich.
Die anderen Touristen tranken verständnislos aus ihren Plastikgläsern und trotteten wie Schafe zur Schlachtbank emotionslos in den Shop, um sich dort eine der 60 Pfund-Flaschen zu kaufen.
"Ich verstehe nicht, was sie wollen", sagte diese Ahnungslose. "Wir machen doch tolle Aromen. Die Leute lieben das." Das sind die gleichen Leute, die anstatt zwei Flaschen des ehrlichen 15jährigen Getränkes daheim in Deutschland zu erstehen, eine dieser bunten N.a.s.-Pullen mitnehmen." "Ja", sagte sie. "Aber die trinken das doch gar nicht. Ein Destilleriebesuch gehört eben dazu und wir sind so gut von der Schnellstraße aus erreichbar".


Ich schlich mich vor die Türe.

Im nächsten Ort gab es die Kneipe nicht mehr, die ich bei meinem letzten Besuch gerne und lange besucht habe. Statt dessen gab es jetzt eine bonbonfarbene Kaffeestube und eine miese Hotelbar, in der sich allerhand Gesindel herumtrieb, das bereits am Nachmittag als unangenehm alkoholisiert auffiel und die ebenfalls anwesenden ältlichen Touristen nicht zu stören schien.

Wenigstens im Haus meines Jagdführers war alles beim Alten, die Betten wackelig, die Kornflakes muffig und der Kaffee dünn. Und ich hatte genug Talisker 10 bei mir, um den Destilleriebesuch bald zu vergessen...