Billiger Whisky? Nein Danke?

Neulich war in bei mir zu Hause in einem kleinen Laden, der Wein und Spirituosen führt. Die Inhaber, zwei rührende alte Leute, bedienen selbst. Die taten mir leid. Aber der Dalwhinnie 16 kostete rund 55 Euro und ich fühlte mich beobachtet. Ich ging, ohne was zu kaufen.
In der gleichen Straße gibt es noch einen kleinen Laden. "Whisky und Zigarren" steht draußen dran. Der ist aber vor ein paar Monaten pleite gegangen und geschlossen. Das Schild und eine schottische Fahne hängen noch.

Wirtschaft hat nichts mit Mitleid zu tun und ich gebe nicht 50% mehr aus, nur um das unvermeidliche Ende eines Geschäftsmodells hinauszuzögern.

Vorgestern war bei Amazon Prime-Zeit. Auch Whisky gab es teilweise sehr günstig. Ich habe mir weder Mühe gegeben, die teilweise terminierten Angebote alle zu verfolgen. Noch habe ich wahllos gekauft. Den Laphroaig 10 für 24,99 Euro habe ich beispielsweise stehen lassen.
Ich habe mir einen Highland Park 12 gekauft (27,49 Euro) und einen Laphroaig Quarter Cask (26,99 Euro). ... Ich weiß, ich selbst predige aus grundsätzlichen Überlegungen Standhaftigkeit gegen N.a.s.-Whisky. Aber erstens bezeichnet Horst Lüning ihn als außergewöhnlich gut, zweitens trinkt sogar Dieter ihn und drittens war er sehr günstig und meine Beziehung zu Laphroaig hatte gerade erst begonnen ...
Man hätte u.a. auch noch einen Ardbeg 10 für 37,39 bekommen und einen Aberfeldy 12 für 32,90.


Warum also sollte ich im stationären Einzelhandel Whisky kaufen, wenn er dort im Großen und Ganzen teurer ist?
Dafür gibt es mehrere Gründe.

Letztens habe ich im Supermarkt 5 Euro mehr für eine Flasche ausgegeben, weil ich sie unbedingt an diesem Abend aufmachen wollte. Das schafft selbst ein schneller online-Shop im Moment nur in Ausnahmefällen. Das wird sich aber, wie der Lebensmitteleinzelhandel zeigt, zumindest in den Metropolen bald ändern.

Ich würde auch in diesen Läden etwas kaufen, wenn die etwas hätten, was ich sonst nicht ohne weiteres bekomme. Das ist sicher weder Mainstream-Malt, noch gar N.a.s. Aber beispielsweise Einzelfassabfüllungen unabhängiger Abfüller, bei denen ich mich nicht gut auskenne und nach denen ich online kaum suche. Oder Mal eine Jahrgangsabfüllung. Mit einer entsprechenden Beratung, die meine Präferenzen berücksichtigt, gibt es eine ganze Menge Flaschen, die ich stationär kaufen würde.

Ich würde auch dort etwas kaufen, wo ich probieren kann. Die ganze "Lotterie", ob die 30, 40, 50 oder mehr Euro gut angelegt sind, würde entfallen. Vor diesem Hintergrund würde ich auch einfachen Malt überteuert kaufen. 30 und mehr Euro komplett zum Fenster rauszuwerfen ist sozusagen entschieden teurer als 5, 10 oder mehr Euro für eine gute Flasche zusätzlich auszugeben.

Ich würde etwas kaufen, wenn es mir in dem Laden gefällt. Immer am Flughafen, gehe ich in den Duty Free zum Whisky. Ich fliege bestimmt im Schnitt drei, vier Mal im Monat. Fast immer die gleichen Strecken. Ich kenne diese Duty Free Läden. Trotzdem gehe ich hin. Ich mag es einfach dort. Die diskrete Beleuchtung, die vielen schönen Flaschen, die Leute sind nicht so schlecht angezogen. Scheinbar bin ich nicht der einzige.

Der stationäre Whiskyladen müsste nicht mal dauerhaft sein. Ich würde auch zu einem pop up-Store hingehen. Vielleicht sogar noch lieber, weil es etwas Besonderes ist. Warum sollte ein Weinhändler, ein Warenhaus oder ein gehobener Lebensmitteleinzelhändler nicht an einer Gebühr oder Umsatzbeteiligung verdienen, die er von einem temporären Partner bekommt - sei es ein unabhängiger Abfüller, ein großer Spirituosenkonzern, ein reiner online Händler oder ein stationärer Fachhändler aus der Nachbarstadt oder von der grünen Wiese? Handel, so hörte ich neulich einen Experten sagen, ist nicht mehr nur Einkaufspreis, Verkaufspreis und Marge.