Laphroaig. Oder: Warum ich Tastingvideos hasse.

Ich hatte Dieter vor Weihnachten nach einer Empfehlung gefragt, was ich mir für die Feiertage kaufen sollte. Er hatte mir den Laphroaig 18 genannt. Ich erinnere mich genau an das Gespräch - und vor allem an meine dumme Antwort. "Nein danke, der ist mir zu heftig". Wie kam ich auf diesen Unsinn, obwohl ich niemals einen Laphroaig getrunken hatte? Wegen der Tastingvideos natürlich.
Und genau darin liegt das Problem. Tastingvideos vermitteln die Illusion, etwas zu kennen, das man nicht kennt. Mir ist jetzt sehr viel klarer, als noch vor ein paar Monaten: Irgendwer mit einer völlig anderen Trinkerfahrung, einem anderen Geschmacksempfinden und einer anderen Tagesform sagt, was er wahrnimmt. Für mich muss das jedoch gar nichts bedeuten.


Was hatte ich nicht alles über Laphroaig gehört? Phenolisch, medizinisch, erinnert an Desinfektionsmittel, Verbandmull, Krankenhaus, Brom oder Jod. Man liebt ihn oder man hasst ihn. Meine Islay-Bilanz war gemischt: Der Coal Ila 12 gefiel mir nicht, der Ardbeg 10 erst nach intensiverem Trinken so einigermaßen und der Lagavulin 16 lag irgendwo dazwischen. Laphroaig ist das Ganze zum Quadrat hatte ich nach einigen Tastingvideos über ihn gedacht. Den fasst du nicht an!

Aber dann war wieder Freitag. In der Vorwoche hatte ich bei uns im Supermarkt, wo ich seit Jahren einkaufe, ins Spirituosenregal geschaut. Da stand tatsächlich zwischen Johnny Walker Red Label und Jack Daniels als einziger Malt der Laphroaig 10!

Und in dieser Freitags-Situation und nachdem ich schon einige Male in den Wochen zuvor um die Flasche herumgeschlichen war, hatten die "Warnungen" vor diesem Getränk auf einmal die gleiche Wirkung wie einer Menge anderer Warnungen meines Umfeldes in der Vergangenheit: Ich griff sofort zu. Für 36 Euro gehörte die grüne Flasche mir.

Zu Hause hielt ich mich nicht lange mit Vorbereitungen auf. Nun ja, 36 Euro zum Fenster rauswerfen lässt sich verschmerzen, wenn man gerade Gehalt bekommen hat. ... Das erste Glas. ... Es war anders, ganz anders, als die Leute bei Youtube beschrieben. Ich musste mir den Laphroaig 10 (40%) nicht schön trinken. Er gefiel mir auf Anhieb. Meine Kinder saßen um mich und nahmen den starken Geruch wahr. Aber es erschien ihnen nicht unangenehm. Meine größere Tochter sagte nur "Lagerfeuer"", obwohl die "Experten" den Rauch genau so nicht wahrnehmen.

Und ich, ich sagte nichts. Er ist stark, aber nicht brutal. Und zwar für keinen meiner Sinne. Er ist angenehm. Eigentlich überraschend leicht sogar. Kein sprittiger Alkoholgeschmack, keine brutale Rauchwolke, auch nichts Medizinisches. Er ist ausdrucksstark, aber fast schon irgendwie zart. Das einzig zutreffende, das ich über ihn gehört habe, steht auf seinem Etikett: "The most richly flavoured of all Scotch Whiskies".

Mir gefiel der auch beim zweiten, dritten und vierten dram und die Flasche kommt zu meinen Lieblingen auf den Wohnzimmerschrank. Zum Teufel mit Youtube!


Nachtrag: Der Laphroaig 10 (40%) ist ein gutes Beispiel für den Preisirrsinn. Ich habe jetzt (im Juli 2017) naturgemäß ein bisschen Vorrat aufgebaut. Gerade war eine Aktion bei Amazon.de (26,99 Euro). Bei whisky.de kostet er erstaunlich günstig 29,99. Im Rewe-Supermarkt 36,99 und bei Kaufhof.de sogar 39,99! Aber beim 10er ist es natürlich nicht geblieben ...

Nachtrag 2: Ich hatte Dieter das Bild geschickt, das diesen Artikel illustriert. Tatsächlich rief er 2 Tage später an. Zwar fand er für seine Verhältnisse ansatzweise lobende Worte ("endlich Vernunft angenommen, nachdem du ein Jahr lang falsch getrunken hast"), konnte es aber nicht lassen, Laphroaig zu kritisieren ("inflationäre Produktpoliik, fast wie Highland Park"). Es war mal wieder verdammt schwer, es im Recht zu machen ....