Glas- und Glaubensfragen

Wenn Sie einigermaßen chronologisch gelesen haben und immer noch dabei sind, halten Sie auch den folgenden Text aus. Wenn Sie neu sind, muss ich Sie warnen. Es könnte weh tun. Denn es geht um die Zerstörung eines Mythos. Es geht um die Frage, woraus ich Whisky trinke.
Sie müssen genau zuhören: Es geht darum, woraus ich Whisky trinke. Woraus Sie ihn trinken, interessiert mich nicht. Und woraus "man" ihn trinkt, lässt sich nicht beantworten.

Als ich anfing, ernsthaft Whisky zu trinken, habe ich mir, wie viele andere Leute auch, erst einmal Nosing-Gläser gekauft. Und zwar Glencairn*. Ich sehe ein, dass diese und ähnliche Formen dabei helfen, die Aromen besser mitzubekommen. Glencairn sieht wenigstens halbwegs normal aus und nicht, so wie manche Stilgläser, so, als müsse man daraus mit abgespreiztem kleinen Finger trinken.


Was ich niemals gekauft habe, sind diese kleinen Deckel, die man auf die Gläser machen kann. Es gibt Dinge, die tue ich nicht. Egal, was ich bekommen würde, egal, wie teuer mich die Verweigerung zu stehen kommt. Diese Spielerei, die vielleicht das Aroma verändert bzw. verbessert, gehört dazu.

Das übertriebene Kaufen von zum Teil fragwürdiger Ausrüstung erinnert mich stark an das Verhalten mancher spät berufener Jagdscheininhaber. Wo andere in irgendwelchen speckigen Klamotten in den Wald gehen, zelebrieren diese die Jagd in passendem trachtenähnlichen Outfit aus Loden und Leder, wo noch das Preisschild dran hängt und der Look "künstlich getragen" extra kostet. Diese Leute können auch stundenlang über die Erlegung eines Stückes Wild sinnieren, während einfachere Gemüter wie ich es schon nach Hause geschleppt haben und es gerade brauchgemäß "tottrinken".

Was ich aber gekauft habe, ist ein Glas mit Masseinheiten und zwar, um Abfüllungen in Fassstärke leichter verdünnen zu können.

Jetzt kann es aber sein, dass ich etwas zu trinken mitnehme. Etwa einen Talisker 10 für nach dem Fischen, dem Wandern oder der Jagd. Dann nehme ich einen Edelstahlflachmann mit. Fehlt mir etwas, weil man damit das Aroma nicht so gut mitbekommt? Nein. Darauf verzichte ich fallweise. Ich tausche es gegen etwas anderes ein: das Draußensein.

Und manchmal ist man irgendwo, da hat man vielleicht eine Flasche mit, aber keine Gläser. Dann ist man z.B. in einer Gruppe und zecht oder sitzt mit jemandem am Feuer und trinkt aus dem, was gerade da ist. Langes Herumriechen an einem speziellen Glas wäre jetzt ohnehin fehl am Platze.

Und auch zu Hause ist nicht immer Nosing-Tag. Angenommen ich komme aus einer Gaststätte nach Hause und hatte den Abend über einige Bier. Dann will ich vielleicht einen guten "Schlummertrunk" und keine stundenlange "Verkostung". Dann darf es gerne ein Tumbler sein.

Um so mehr freute ich mich, als ich jetzt gerade einen Artikel fand, der einen liberalen Umgang mit dem Whiskyglas fordert. Natürlich ist es kein Artikel aus Deutschland. Hierzulande schreiben irgendwelche Spinner seitenlange Foreneinträge über ihrer Meinung nach "richtige" Gläser. Solche sind aber Erfindungen von seit der letzten Jahrtausendwende. Was für Versager sind also Churchill, Shaw, Burns, Stevenson, Orwell und die anderen doch gewesen - sie haben ihren Whisky damals falsch getrunken ...

*Das Glencairn ist preisgekrönt und heute weithin anerkannt. Es ist allerdings erst seit 2001 verfügbar.