Einsteigerwhisky. Warum ich das Wort hasse.

Es gibt eine Reihe von Tastingvideos von zwei Autoren*, die bei verschiedenen Abfüllungen von "Einsteigerwhisky" sprechen. Sie unterscheiden diesen von "Spitzenwisky" oder gar "Sammlerwhisky". Ich mag die Tastings dieser Leute ohnehin nicht besonders. Zu viel N.a.s., zu viel Informationen, die man selbst vom Etikett ablesen könnte, zu wenig Verständnis dafür, warum man was schmeckt.
Aber manche ihrer Begrifflichkeiten hasse ich regelrecht. Am schlimmsten ist die Klassifikation "Einsteigerwhisky".

Das ist genau so dumm wie beispielsweise die Klassifikation Namibias als "Einsteigerland" für die Afrikajagd. Klar kommt man leicht hin und es kann vergleichsweise preiswert sein. Man muss aber häufiger hin, um es wirklich zu kennen und intensiv jagen. Sich darauf ganz einlassen. Viele Leute, die in vielen Ländern anspruchsvoll gejagt und gefischt haben, kehren immer wieder dorthin zurück.
So ungefähr ist es mit dem "Einsteigerwhisky" dieser beiden Koryphäen.


Man stelle sich nur einmal vor, die beiden tauchen in irgendeinem Kaff in den Highlands auf. In einer Ecke sitzen drei knorrige Typen. Stalker, Ghillies oder Farmer. Die halten in ihren schwieligen Händen Whiskygläser und haben noch jeder 1 Pint Belhaven's Best vor sich. In Schottland trinkt man das gerne zusammen. Und in angemessenen Mengen. Die Worte "dram" oder "nip" waren ursprünglich fast ironisch gemeint und bezeichneten zunächst nicht einen "kleinen Schluck". Schottland ist nicht England.
Würden sich unsere beiden Helden trauen, diese Runde mit der Frage zu stören, warum sie Einsteigerwhisky trinken? Oder würden sie endlich verstehen, woher das Getränk kommt und wie es getrunken wird?

Ein Begriff, der mich auch stört, ist "Verkostung". Verkostung ist etwas für den Typus des Akademikers. "Verkostung" hat nichts mit Trinken zu tun. Natürlich probiert der Trinker auch neue Flaschen. Seine Absicht ist dabei, etwas zum Trinken zu finden, nicht aber, etwas zu probieren, um es probiert zu haben. "Verkostung" ist für mich die Steigerung dessen. Typen, die "verkosten", sammeln vermutlich auch "künstlerische" Aktfotografie, die sie in wertvollen Büchern ab und zu vorsichtig betrachten. Ich kann sie nicht leiden.




Und wenn man sich erst den Unfug ansieht, den die Nutzer als Kommentare posten! Ich bin Einsteiger. Ich kann noch nicht alle Geschmacksnuancen erkennen. Jammer, jammer.
Die Frage ist - und das fällt diesen Karikaturen von Whiskytrinkern gar nicht auf - wer das überhaupt verlangt?
Wenn man ein älteres Whiskybuch zur Hand nimmt, wie ich Vaters Ausgabe von Michel Jacksons damaligem Standardwerk "Whisky", fällt auf, dass damals (in den 90ern) sehr viel weniger Deutsche Whisky tranken und das Getränk sehr viel weniger gehypt wurde.

Ich habe da einen Verdacht... Aber: Horst Lüning** ist einer der erfolgreichsten deutschen Händler und trinkt beruflich. Er muss die Sortimente kennen, Trends verstehen ... und mit kreieren. Und natürlich will er etwas verkaufen. Je mehr die Leute hochpreisigen Whisky "verkosten" und am besten ihre Freunde auch noch dazu anstiften, anstatt Flaschen für unter 30 Euro leer zu trinken, desto besser für ihn. Zu glauben, dass die eigene Existenz als Whiskytrinker davon abhängt, dass man jedes Aroma erkennt, das Horst identifizieren kann, der nicht nur vermutlich eine besondere Begabung dazu hat, sondern jahrelang nahezu unbegrenzten Zugang zu Whisky, ist schlicht dumm. Warum auch?
Schmeckt etwas besser und entspannt es mehr, wenn man es als "Kokos" klassifiziert, anstatt einfach nur zu denken: "Bourboncask, genau meine Kragenweite!"?



*Diese Typen schreiben Science Fiction. Sie hätten meiner Meinung nach dabei bleiben sollen.

**Das ist Fluch und Segen von Lünings Arbeit. Er vermittelt enormes Wissen und Trinkkultur, aber gleichzeitig auch ein elitäres Verständnis von Whisky. So ähnlich ist es in Deutschland mit Golf: exklusiv, teuer und schwierig. In anderen Ländern kann Golf das zwar auch sein, es gibt diesen Sport aber auch für kleines Geld in der Ausgabe für begeisterte Sportler oder ganz normale Familienväter.