Die Geburt des Massengetränks Whisky.

Dass der Whisky, den wir trinken, nicht mehr viel mit dem gemeinsam hat, der vor 100 Jahren getrunken wurde, ist spätestens seit dem Auffinden intakter Flaschen im Permafrost bekannt, die die Männer der Shackleton-Expedition dort zurückgelassen hatten. Weniger bekannt ist, wie Whisky überhaupt in den 1860er Jahren Massengetränk wurde.*
Es fängt damit an, dass Schädlinge die Weinreben der Grande Champagne zwischen den 1860er und 1870er Jahren zerstörten, denn damit war Cognac, das Getränk der Wahl der englischen Mittelklasse, auf einmal knapp und unerschwinglich.

Zuvor war das Schottische u.a. ausgelöst durch Besuche von Queen Victoria und schließlich 1847 den Kauf ihrer Residenz Balmoral schwer in Mode gekommen. All jene Arten Country Sports wie das Fischen und die Jagd in den Highlands fanden mehr Publikum - und zwar auch deshalb, weil die Wollpreise am Weltmarkt abstürzten und man mit zahlenden Jagdgästen wenigstens etwas Geld verdienen konnte.

Parallel dazu entwickelte sich das Eisenbahnnetz erheblich weiter und transportierte Rohstoffe, Waren und Menschen in nahezu jeden größere Ort in Schottland. Dampfboote erleichterten den Transport über den Seeweg.


Und schließlich hielten die Glasflaschen erst in den 1860er Jahren Einzug, auch wenn Malt Whisky und die meisten Blends bis in die 1880er noch in Steingutflaschen gehandelt wurden. Solche fand man besonders bei Malts bis in die 1930er Jahre.

Zu diesem Zeitpunkt war das Blenden von Malt und Grain Whiskys in erster Linie eine Möglichkeit, vergleichsweise günstig ein geschmacklich immer wieder reproduzierbares Getränk herzustellen, als nur mit den reinen (billigen) Grain Whiskys der Lowlands alleine. Es gab aber auch schon Vatted Malts (insbesondere für einen konsistenten Brennereigeschmack ohne zu große Einzelfasseinflüsse) und Additive zur Geschmacksveränderung.**

Brennereien durften nicht direkt an Endverbraucher verkaufen. Aber Weinhändler und andere kleine Händler durften es. Durch eine Reihe von Gesetzesänderungen (u.a. zur Herabsetzung der Alkoholstärke und Flaschenabfüllung) und inspiriert durch französische Markenprodukte, begann der Siegeszug des Massengetränks Whisky. Vorreiter war 1853 der "Old Vatted Glenlivet" der Firma Usher & Companie in Edinburgh. Diese Firma, nicht die Brennerei, lagerte die Fässer, erzeugte daraus den Vatted Malt, transportierte ihn nach London und bewarb ihn.

In den 1860er Jahren begann diese Firma mit Blends und zog riesige Lagerhäuser hoch, um die frischen Fässer der Brennereien lagern zu lassen. Wer der erste Blender war, lässt sich nicht nachweisen, denn nun begannen mehrere Unternehmen wie z.B. Mackinlay zeitgleich damit, Whisky für den englischen Massenmarkt anzubieten. Vor 1860 war das so gut wie nicht vorgekommen.
In der Folge entstanden einige der großen Marken durch Leute wie John Dewar (1806-1880), Arthur Bell (1825-1900), James Chivas (1810-1886), William Teacher (1811-1876), George Ballentine (1809-1891) und andere.

Whiskyautor Charles Maclean mutmaßt wie die ersten Blends geschmeckt haben: vermutlich haben sie Whisky von bis zu sechs Brennereien enthalten, darunter auch viel jungen und Grain Whisky. Aber nach wie vor wurden auch Single Malts verkauft.


*Ich folge hier im Wesentlichen Charles Macleans Buch "Scotch Whisky. A Liquid History".
**Falls Sie jetzt die Augen verdreht haben: Der Weg vom Additiv zur Nachreife ist nicht weit. Danals tat man u.a. Rum in Whisky, heute reift er auch in Whiskyfässern nach.