Trinkertypen und Waffenfragen.

Ich gebe zu: Meine Erfahrungen mit Whisky sind begrenzt. Ich bin dabei, die Auswahl von Abfüllungen, die mich interessieren, zu erweitern. Aber ich teste nichts, um es zu testen. Ich werde mich z.B., wenn überhaupt, nur sehr begrenzt mit Nachreifungen befassen. Ich weiß, ich mag sie in aller Regel nicht und gut. Etwas stört mich auch das Ausmaß an Manipulation des Getränks bei der Nachreifung. Aber das ist ein anderes Thema. Ich denke aber nicht, das mein Geschmack allgemeinverbindlich ist und bin bereit, etwas Neues zu probieren.

Es gibt auch andere Typen von Trinkern. Wir alle kennen sie. Die Frage ist, welches Kraut gegen diese Leute gewachsen ist. Sie können einem nämlich als Besuch oder beim gemütlichen Beisammensein das Leben zur Hölle machen. Jedenfalls, wenn Sie sie ernst nehmen.

Typ 1: Der "Experte"
Wir sitzen mit Leuten bei uns zu Hause, auf die ich ohnehin schon keine Lust hatte. Ich hatte trotzdem, nur für den Fall, das jemand möchte, drei Flaschen raufgeholt: T10, Ardmore Poortwood Finish und irgendetwas anderes. Was Weiches. Eben eine Auswahl. Einer dieser Leute, saß nicht nur auf meinem Stuhl vor Kopf des Tisches, was mich schon wütend machte, sondern er sah sich auch geringschätzig die drei Flaschen an. Zu meiner Frau, wohlgemerkt nicht zu mir, sagte er irgendwann: "Ich schreib dir nachher was auf, das du ihm zu Weihnachten schenken kannst. Dann trinkt er Mal was Gutes". Ich kann den genauen Wortlaut nicht beschwören, aber so war die Tonalität. Einer der wenigen Vorteile beim Älterwerden ist, dass ich viel ruhiger geworden bin und bei so was nicht mehr ausraste. Ich saß also auf dem Platz, wo sonst die Kinder sitzen, hatte ein paar Gewaltphantasien, aber regte mich nicht weiter auf. Wenige Woche später, zu Weihnachten, bekam ich eine Flasche Lagavulin 16yo. Eine gute Flasche, keine Frage. Aber erstens mit über 2 Millionen Liter jährlicher Produktion wohl kaum ein "Geheimtipp", für den man besondere Kenntnisse braucht. Und zweitens eben auch eine Modemarke. Dieter ist ein Lagavulin-Mann. Er trinkt ihn viel und ihm ist egal, ob er der einzige auf der Welt ist oder alle es tun. Der "Experte" hingegen trinkt ihn, weil er irgendwo gelesen hat, dass "Experten" ihn trinken. Aber er weiß nichts darüber. Am besten Sie laden ihn einfach nicht mehr ein.


Typ 2: Der "Modetrinker"
Dieser Typ weiß alles über Whisky. Er trinkt ihn vielleicht nicht Mal gerne. Aber er kennt die mainstream-Abfüllungen, er kennt dieses ganze Experimentier-Zeug mit unterschiedlichen Nachreifungen, er trinkt "interessante Blends", er kauft sich Single Grain, er kauft sich literweise N.a.s. Er erzählt jedem, der es hören will, dass er Whisky trinkt.
Dieser Typ stört. Aber nicht sehr. Erstens trinkt er uns nichts weg. Jedenfalls nicht viel. Er kauft sich z.B. diese protzigen Duty Free-Flaschen Talisker Skye oder Storm. Was soll er mit der 0,7 l-Flasche T10? Sieht nach nichts aus. Irgendwer muss doch das N.a.s.-Zeug trinken. Und mit dem Whisky-Hype, den diese Leute verursachen, kommen vielleicht auch ein paar vernünftige Sachen zu uns. Sozusagen ein windfall gain.
Und außerdem gehen sie eben mit der Mode. Es war für diese Leute lange Zeit verdammt schwierig, sich zu entscheiden, ob sie sich Gin oder Whisky oder beides reinschütten sollen. Aber jetzt ist Rum langsam mehr im Fokus und natürlich werden sie früher oder später dahin abwandern und uns in Ruhe lassen. Dieses Argument hat sogar Dieter beruhigt. Der "Modetrinker" ist also nicht wirklich gefährlich. Meiden Sie einfach Gespräche. Wenn Sie seit langem verheiratet sind, wissen Sie, wie Sie durch stupides Nichtantworten oder sprichwörtliche "Maulfaulheit" jedes unerfreuliche Thema an sich abregnen lassen können...

Typ 3: Der "Angeber"
Der Angeber hat Flaschen, von denen Sie vielleicht träumen. Dieter erzählte neulich von so wem. 400 Euro. Ich habe vergessen, was das war. Dieter hat natürlich recht damit, dass der Geschmacksunterschied zwischen 50 Euro und 500 Euro nicht annähernd dem finanziellen Unterschied entspricht. Dass es wirtschaftlich unsinnig ist, so viel Geld auszugeben, außer vielleicht, man hat sich so ausgebildet und ist von Natur aus so begabt, dass man in der Lage ist für so viel Geld, eine Äquivalenz in Trinken zu kaufen. Der Angeber ist das in aller Regel nicht. Ich kann Sozialneid nicht ausstehen und, wer sich eine 400-Euro-Flasche kaufen kann, soll das gerne tun. Solche Leute ruinieren auch die Preise für mich nicht, weil ich nicht in dieser Kategorie kaufe.
Das höchste, was ich Mal ausgeben wollte, waren rund 200 Euro für eine Flasche Highland Park 21yo, die ich mir dieses Jahr zum Geburtstag kaufen wollte. Ich habe es aber dann gelassen. Irgendwie dachte ich, dass diese Ausgabe mehr damit zu tun gehabt hätte, dass ich mich darüber hinweg trösten wollte, schon wieder ein Jahr älter geworden zu sein. Am Ende trank ich an meinem Geburtstag aus einer unter 30 Euro-Flasche.
Sie können den "Angeber" also mit Missachtung strafen. Es sei denn, er lädt sie ein, um von der 400 Euro-Flasche zu probieren.


Typ 4: Der "Akademiker"
Nicht, dass Sie uns falsch einordnen: Dieter und ich haben nicht nur mehr oder weniger regelmäßig unsere Hochschulen besucht, sondern auch die vorgesehenen Abschlüsse erworben. Wir haben Familien und Jobs und so weiter. Wir sind keine Schrotthändler mit Alkoholproblem. Aber wir zerdenken und zerreden wichtige Dinge nicht.
Der Akademiker aber tut genau das. Er trinkt nicht wie wir. Er sinniert, füllt zaghaft etwas in ein Glas, sinniert wieder, riecht vorsichtig, trinkt ein ganz, ganz kleines bisschen, sinniert wieder, riecht wieder, macht einen verträumten Gesichtsausdruck, trinkt ganz vorsichtig einen weiteren winzigen Schluck und so weiter. Das kann Stunden so gehen.
Whisky wurde nicht zuallererst für Spinner und Träumer gemacht. Natürlich können auch die ihn trinken. So wie jeder. Aber er wurde für ernsthafte Trinker gemacht. Für Leute, die das Getränk mögen. Mit seinem Getue stört der "Akademiker" jedes ernsthafte Trinken. Mehr noch, er macht es lächerlich. Aber ehrlich, mit diesem Typen wird man am leichtesten fertig. Man fängt in seiner Gegenwart schlicht ein scharfes Zechen an und das Problem erledigt sich rasch von selbst...