Landungszone gesichert. Mehr als eine Altersfrage.

Wenn Sie "Das große Trinken" gelesen haben, wissen Sie, dass ich irgendwann glücklich bis zum Talisker 10 und zum Old Pulteney 12 vorgedrungen bin. Ich trank sie inzwischen nicht mehr zum Kennenlernen, sondern, um sie zu trinken.
Weil ich gerne vorbereitet bin und Angst hatte, dass sich die Preise stark veränderten oder die Abfüllungen vom Markt verschwanden, kaufte ich sogar eine ganze Reihe Flaschen zur Bevorratung.

Natürlich war das unnötig. Letztlich sind es nicht nur Massenabfüllungen und mein empfindliches Frühwarnsystem aus Blogs und Youtube würde mich bei dem Gefahr der Aufgabe der Abfüllung auch rechtzeitig informieren. Aber ich mochte eben beide sehr und fühlte mich so sicherer.

Irgendwann erwachte aber der Snob in mir und dachte: Warum T10* trinken, wenn ich auch T18 haben kann. Warum OP12 trinken, wenn doch OP21 preisgekrönt ist? Dieter hatte das ganze wieder argwöhnisch beobachtet und ich weihte ihn deshalb nicht in alles ein...

Natürlich spielten auch die "Experten" auf Youtube eine Rolle. "Viel mehr Komplexität" hörte ich sie immer wieder faseln. Damals dachte ich noch, dass bei Geschmacksfragen irgend jemand außer mir selbst für mich wichtig sein könne. Das erwies sich nicht zuletzt durch das, was ich jetzt tat, als falsch.


Ich schenkte mir zum Geburtstag eine Flasche Talisker 18 und später erwarb ich, inzwischen misstrauisch geworden, nicht den 21jährigen Old Pulteney, sondern den 17jährigen.

Um es kurz zu machen: der 18jährige war ganz gut. Aber ihm fehlte die Schärfe, die Explosion von Pfeffer. Der Rauch kam mir viel weniger vor. Das Aggressive, das Besondere war weg.


Der 17jährige verschaffte mir ein Schlüsselerlebnis. Denn ich merkte zum ersten Mal im Leben wie extrem sich ein größerer Anteil aus Sherryfässern auswirkt. Ich mochte es nicht. Es überlagerte das Maritime, das Salzige, das Ölige. Ich schmeckte viel zu viel Sherry. Viel zu viel. Den 21jährigen mit noch mehr Sherryanteil kaufte ich mir gar nicht mehr.

Damit wir uns nicht missverstehen, ich beließ es nicht beim einmaligen Probieren. Ich trank beide drei bis vier Mal. Wenigstens eine 1/4 Flasche OP17 und eine 1/3 Flasche T18. Wie schön war es, nach der Quälerei zurück zum richtigen Stoff zu kommen.

Was habe ich daraus gelernt? Zum einen, dass für mich persönlich "älter" nicht zwingend "besser" bedeutet. Mag sein, dass der T18 mehr Komplexität hat, wobei ich mit dem Begriff nicht viel anfangen kann und den Verdacht habe, der ein oder andere benutzt ihn, weil er sich gut anhört und er eine Veränderung selbst gar nicht verbalisieren kann.
Und wenn sich die Fassauswahl ändert, wie beim OP der Anteil Sherryfass, kann ich gar nicht sagen, wie eine ältere Abfüllung wäre. Es ist ja nicht das selbe Getränk.

* Dieter und ich kürzen unsere Marken mittlerweile mit Anfangsbuchstaben und Altersangabe ab, also Talisker 10yo = T10, Highland Park 18yo = HP18, Lagavulin 16yo = L16 etc.